Die Illusion der Gleichheit: Ein Blick auf männliche Privilegien

Meine Vorfahrinnen waren und sind stark. Sie lebten den traditionellen, klassischen Weg und konnten nicht immer so, wie sie vielleicht wollten. Das hat sich nicht immer positiv auf ihre Beziehungen und auf die Familie ausgewirkt. Für mich war schon früh klar, dass ich vieles anders machen möchte.
Und das, obwohl ich in einem Umfeld gross geworden bin, das mich durchaus mit einigen Privilegien ausgestattet hat.

Und ich habe vieles anders gemacht.
👩‍🎓 Ich bin die erste aus meiner Familie, die studiert hat und einen Abschluss an der Universität gemacht hat.
🗺 Die erste, die im Ausland gelebt hat.
👅 Die erste, die verschiedene Sprachen spricht.
💑 Die erste, die ihren Partner nicht im Sauerland gefunden hat.
👶🏼 Die erste, die auch nach der Geburt ihrer Tochter sehr bald wieder Vollzeit erwerbstätig war. ….
Möglichkeiten, Neugierde, Lerneifer, Mut und auch Notwendigkeiten.

Ich habe einiges geschafft, auf das ich stolz sein kann, und doch, und das ist ja das Böse daran, im Vergleich mit anderen, vornehmlich männlichen Kollegen habe ich gedacht: das reicht nicht. Ich bin doch nicht so gut, nicht gut genug.

Die Beitragsbilder sind KI generiert.

Wie kann es sein, dass die so locker flockig vorankommen und ich nicht. Was hindert mich oder was blockiert mich? Warum bin ich nicht so locker? So flockig! Natürlich sind nicht alle so, aber dennoch sehr viele.
Mir war lange nicht bewusst, dass mir einige Privilegien fehlen.

Und dann bin ich in einem Blogpost von Robert Franken „5 Dinge, die Männer verstehen müssen“ über ein Zitat gestolpert:

Markus Theunert hat es auf den Punkt gebracht: „Das Kernprivileg der Männer ist die Illusion, nicht privilegiert zu sein.“ Diese Aussage trifft den Nagel auf den Kopf und legt den Finger auf eine tief verwurzelte Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Eine Ungerechtigkeit, die ein locker flockiges Selbstwertgefühl begründet.

Als Feministin kämpfe ich für eine Welt, in der alle Menschen gleiche Chancen haben, unabhängig von ihrem Geschlecht. Doch dieses Ziel scheint oft in weiter Ferne, denn viele Männer sind sich ihres Privilegs nicht bewusst. Sie nehmen die Vorteile, die ihnen aufgrund ihres Geschlechts zuteil werden, als selbstverständlich hin. Locker flockig! Meistens ist es ihnen nicht mal bewusst und genau das ist der Kern. Sie kennen es nicht anders und sie haben sie sich ja auch nicht aktiv erarbeitet.

Was bedeutet männliches Privileg?
Männliches Privileg heißt, dass Männer in unserer Gesellschaft systematisch Vorteile genießen, einfach weil sie Männer sind. Diese Vorteile können sich in vielen Bereichen des Lebens zeigen: im Beruf, in Beziehungen, in der Politik und sogar im Alltag. Männer haben oft bessere Chancen auf Führungspositionen, höhere Gehälter und mehr Anerkennung. Sie werden seltener diskriminiert oder belästigt und haben mehr Freiheiten in ihrer Lebensgestaltung. Sie sind oft körperlich stärker und fürchten sich eben nicht abends allein durch den Park zu gehen.

Es gibt viele Gründe, warum es so schwierig ist, männliche Privilegien anzuerkennen der zu erkennen. Einerseits ist es für viele Männer schwer zu akzeptieren, dass sie von einem System profitieren, das sie nicht aktiv geschaffen haben. Andererseits wird das Thema oft mit Schuldzuweisungen verbunden, was zu defensiven Reaktionen führt.

Die Auswirkungen männlicher Privilegien
Männliche Privilegien haben weitreichende Auswirkungen auf unser aller Leben. Sie tragen dazu bei, dass Frauen weiterhin benachteiligt werden und dass Geschlechterrollen zementiert bleiben. Sie schränken die Möglichkeiten von Männern ein, die sich nicht an traditionelle Geschlechterbilder halten wollen. Und sie verhindern, dass wir eine wirklich gerechte Gesellschaft schaffen.
Was können wir tun?
Es ist wichtig, dass wir alle – Männer und Frauen – uns mit dem Thema männliche Privilegien auseinandersetzen. Wir müssen offen über unsere Erfahrungen sprechen und bereit sein, unsere Perspektiven zu hinterfragen. Männer können dazu beitragen, indem sie sich ihrer Privilegien bewusst werden und sich aktiv dafür einsetzen, Gleichstellung zu fördern. Frauen können Männer dabei unterstützen, indem sie ihnen einen sicheren Raum bieten, um über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen.

Ein gemeinsamer Kampf
Der Kampf für Gleichstellung ist ein gemeinsamer Kampf. Nur wenn wir alle zusammenarbeiten, können wir eine Gesellschaft schaffen, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird.

Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, die Illusion der Gleichheit zu durchbrechen und eine wirklich gerechte Welt zu schaffen.

Es ist nicht falsch, Privilegien zu haben und sie zu nutzen, aber es ist falsch, sie nur für sich selbst zu nutzen oder andere zu diskriminieren. Privilegien zu teilen und sie für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen, darum muss es gehen.

Egal, mit welchem Geschlecht du dich identifizierst, bist du dir deiner Privilegien bewusst?
Ich teile unten mit dir zwei Links zu Fragebögen für die Überprüfung der eigenen Privilegien, denn es geht im im ersten Schritt darum, sich selbst zu reflektieren.

Wichtiger Hinweis: Diversity & Intersectionality: andere Dimensionen von Vielfalt, besonders in der Kombination, können dazu führen, dass gerade auch Männer, die nicht die traditionell männliche Rolle einnehmen, weniger privilegiert sind.

Quellen: https://digitaletanzformation.wordpress.com/2024/03/28/5-dinge-die-manner-verstehen-mussen/

Privilegientests – Warnung: bitte gehe achtsam mit Dir um und lies die Einleitung zu den Test sorgfältig durch. Manche Fragen können triggern.
http://portal-intersektionalitaet.de/fileadmin/downloads/Privilegientest_Baer-Hrzan-2005.-nur_vortreten.pdf

https://www.charta-der-vielfalt.de/aktivitaeten/toolbox-antirassismus/awareness-schaffen/reflexionsfragen/fragekatalog/

3 Kommentare

  1. Guter Hinweis, dass nicht alle Männer privilegiert sind. Bei den Privilegien-Tests ist m. E. Vorsicht angebracht: Solche Übungen nutzen weniger privilegierte Menschen für den Lernerfolg der Gruppe. Sie können z. T. retraumatisierend wirken. Eine gute Alternative finde ich etwa das hier: https://thesafezoneproject.com/activities/privilege-for-sale/

    1. Danke für die Hinweise, Robert. Die Warnung vor den Privilegien Tests werde ich im Laufe des Tages noch anbringen. Wobei auch jeder dieser Tests schon eine Warnung beinhaltet. Aber du hast vollkommen recht mit der Retraumatisierung.
      Das safe Zone project schaue ich mir auch an. Dazu ein kleiner Merker: eine Diversitätsexpertin hat mich darauf hingewiesen, eigentlich gibt es keine safe zones. Es gibt nur „safer zones“.

  2. Das ist eine sehr gute Differenzierung, das mit den „safe(r) zones“, danke.

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